Ich bin . Ich lebe .
Archivpädagogin
Durch ein lautes Poltern auf dem Flachdach des Lesesaals wurde ich aufgeschreckt. Zunächst arbeitete ich weiter, denn ich führte den Krach auf die Dachdeckerarbeiten zurück, die dort gerade durchgeführt wurden.
Journalistin und Übersetzerin
Ich saß mit meinem Chef in seinem Büro im 4. Stock mit genauem Blick auf das Archiv.
bildender Künstler
Der sonnige frische Frühlingstag auf dem Balkon mit einem ungestörten, friedlichen Blick Richtung Westen und Severinsviertel (Unglücksstelle). Blauer Himmel ähnlich wie am 11. September 2001.
Rentner
Ja, ich erinnere mich ganz genau, ich bin mit dem „letzten Bus“ kommend vom Dom, am Archiv vorbei, Weiterfahrt zum Chlodwigplatz.
Künstlerin
Ich habe als Redaktionsassistent beim DLF gearbeitet. Meine Chefin rief vom Nebenraum, dass ein Haus in Köln eingestürzt sei, wir haben direkt online recherchiert, wo das Haus ist, die ungefähre Adresse stand schon beim Kölner Stadtanzeiger. Ein Kollege von mir ist zufällig die Woche vorher da gewesen und hat direkt beim Leiter angerufen und gefragt, ob es das Archiv war.
Architekt
Ich war auf der Beerdigung des Vaters von Freunden und eines bekannten Kölner Architekten und da gerade mit dem Fahrrad vom Melatenfriedhof zum „Leichenschmaus" hin unterwegs auf der Aachener Straße, als das Telefon klingelte.
Sozialwissenschaftler
Ich saß in der Stadtteilbibliothek und hörte ein Gespräch am Nebentisch von Jungens über den Archiveinsturz, der gerade (am selben Tag) geschehen war.
Bauzeichnerin
Ich telefonierte mit einem Kollegen aus Leipzig, der fragte – Was ist denn da bei Euch los – er hörte die Sirenen durch's Telefon.
Bibliotheksangestellte
Ich arbeitete in der Nähe, mittags hörte ich viel Feuerwehr und Polizei, sah eine riesige Rauchwolke in der Luft und immer wieder Hubschrauber in der Luft.
Künstler
Ja, ich war in Düsseldorf und erfuhr es aus dem Radio – ich war wie gelähmt und hatte Angst, dass es noch mehr Menschen treffen könnte!
Wissenschaftler
Ich habe in Berlin vom Einsturz durch einen Live-Ticker auf der FAZ Website erfahren. Danach bin ich zum Telefon gestürzt und versuchte, meine Kölner Kontakte zu erreichen.
Kaffeekioskbesitzerin
Ich war in Kapstadt und meine Münchner Freundin hat mir per SMS von dem Einsturz berichtet.
Darsteller in Tanz und Theater
Am 3. März 2009 hatte ich mit einer Partnerin Tango trainiert und ich fuhr mit dem Fahrrad wenige Minuten nach dem Einsturz direkt auf die Unfallstelle zu.
IT-Fachkraft
Nach meiner Arbeit fuhr ich mit der Straßenbahn in der Nähe der Unfallstelle vorbei. Man konnte dort bereits den ersten Kran sehen.
Pfarrerin
Das halb aufgeschlitzte Haus, mit dem jungen Mann in zweiten Stock, der angesichts des Abgrundes von seinem Wohnzimmer aus telefonierte.
Messe- und Veranstaltungsbauer
Der blaue Schrank in der Wohnung des halb zusammen gefallenen Hauses, der einem Bekannten von mir gehörte und der von diesem Unglück aus dem Fernsehen in seinem Urlaub in Australien erfuhr.
Kundenbetreuerin
Ich wurde in der Hinsicht damit konfrontiert, dass meine Mutter dort mitgeholfen hat und sie mir erzählt hat, wie viel noch zu tun ist und was für ein Chaos überall herrscht.
Journalist
Vor allem die an meinem letzten Besuch dort, nicht lange zuvor: eine Führung durch die Depoträume mit Eberhard Illner, der die dort gelagerten Bestände kannte wie kein Zweiter.
im Ruhestand
Ich habe in 2009 bei der Nassbergung versunkener Archivalien geholfen und im Hof des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums Archivgut geduscht, in Klarsichtfolie gepackt, niedergeschrieben, was noch über die Herkunft zu erkennen war, die verletzten Dinge in Gitterboxen gelegt, die abends von der Firma Reisswolf abgeholt wurden und zum Schockfrosten transportiert wurden.
Abiturientin
Es war in der Schule ein großes Thema. Wir wurden in die Fachhochschule umgesiedelt und hatten die erste Woche nach dem Einsturz keinen Unterricht.
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Betonmischer. Hunderte von Betonmischern, die in langer Reihe bis zur Straße „Am Weidenbach“ standen und warten, das riesige Loch zu verfüllen.
Unternehmerin
Das Gebäude war weg, alles war weg, wie im Krieg. Es sah aus wie auf Bildern von August Sander von 1945.
Angestellter
Das Dach des Gebäudes – SCHWARZ.
Erzieherin
Das Einsturzbild im Kölner Stadtanzeiger. Totales Chaos.
Kauffrau
Ich fand die Bergung der Unterlagen ganz spektakulär. Auch war ich beeindruckt, daß die U-Bahn-Arbeiter noch in der letzten Minute die Menschen im Wohnhaus nebenan gewarnt haben.
Bilanzbuchhalterin
Das Bild von absoluter Zerstörung...! Es erinnerte etwas an Zeiten von 1952/53 oder 1954 als man ... um sich ... oft ... Trümmergrundstücke sah ...!
Grafikdesigner
Viele aufregende Erzählungen von Kollegen beim Sucheinsatz der verschütteten Personen unter den Trümmern.
Rentnerin
Den einen jungen Mann kannte ich ein bisschen und wusste, dass er als Lehrling in der Bäckerei Zimmermann (Innenstadt) arbeitete und dort sehr beliebt war.
bildende Künstlerin
Ziemlich direkt nach dem Einsturz kamen mir folgende Überlegungen: Wer bestimmt überhaupt was bzw. wessen Nachlass in einem Archiv aufbewahrt wird – und wessen nicht? Und wer ist überhaupt in der Lage so etwas wie einen Nachlass zu hinterlassen?
Künstlerin und Schriftstellerin
Nach dem Tod meiner Mutter in London vor zehn Jahren, brachte ich die Nachlässe der letzten Generationen meiner Familie zurück nach Deutschland – an jenen Ort, dem sich nicht alle durch Flucht die Überlebenden des Nationalsozialismus hatten entziehen können.
Rentner
Ein großes Stück Familiengeschichte, was verschwunden ist. Ein sehr großer Schmerz und ein riesiges Stück Wut.
kaufmännische Angestellte
Die Sorge um die Verschütteten und die Erfahrung, dass auch in Deutschland, in Köln so eine Katastrophe passiert.
Bauingenieur
Als Ingenieur und Tunnelbauer war mir das Geschehen, das zum Einsturz des Archivgebäudes und der Nachbarhäuser geführt hat, völlig unfassbar. Das gilt bis heute.
Rentnerin
Tunnelbau in Köln ist hier immer wieder ein Thema: hier hat die Stadt Köln versagt!
Privatier
Ich finde den Fortgang bzw. die (Nicht-) Aufklärung total skandalös = kölsch?!
Kauffrau
Kurz vorher ging dort der Karnevalszug entlang.
Künstler
Meine Arbeit, die mich seit 1991 oft ins Archiv geführt hatte, war und ist durch den Einsturz sehr erschwert.
Historikerin
Ich liebte die Archivare, ja selbst den Geruch des Archivs. Es war doch auch verlockend, es hatte was Geheimnisvolles. Zumindest für mich.
Fotograf und Autor
Viele Erinnerungen an Recherchen und Arbeit in dem Haus: Gestaltung einer Schriftenreihe und des Buchs „Jazz in Köln“, das maßgeblich mit Fotografien aus dem HAStK bestückt wurde.
Rentnerin
Ich gehe oft zu der Einsturzstelle. Aktivitäten seitens einiger Leute werden untersagt oder behindert. Zum Beispiel das Aufstellen eines Denkmals.
freie Redakteurin
Seit ich in Köln lebe, ist der Einsturz fast immer präsent. Die abgesperrte Stelle in der Severinstraße, Anfrage zu spenden für Restaurierung des Archivmaterials, um zu retten, was noch zu retten ist. Aber viel mehr durch Erzählungen von Freunden und Bekannten hier in Köln, also mehr Erinnerungen aus zweiter Hand.
Schriftstellerin
Ich bin Nicht-Kölnerin, mit dem Einsturz des Archivs bin ich Kölnerin geworden.
Büdchenbesitzerin
Die Infrastruktur ist kaputt. Die Severinstraße war eine wichtige vielbesuchte Handelsstraße seit der römischen Zeit.
Bauingenieur
Wir wohnen jetzt in den neuen Häusern hier am Waidmarkt und werden deshalb täglich damit konfrontiert.
Journalist
Der Anblick der Archiv-Fassade war also Teil meines Lebens, obwohl ich niemals in das Stadtarchiv hineingegangen bin.