Ich bin . Ich lebe .
Archivpädagogin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich erinnere mich gut an den Tag. Ich saß im Lesesaal des Archivs und bereitete Materialien für Schülerinnen und Schüler vor, die dort für ihre Facharbeiten zu Themen aus der Kölner Stadtgeschichte recherchieren wollten. Durch ein lautes Poltern auf dem Flachdach des Lesesaals wurde ich aufgeschreckt. Zunächst arbeitete ich weiter, denn ich führte den Krach auf die Dachdeckerarbeiten zurück, die dort gerade durchgeführt wurden. Dann wurde es immer unruhiger im Haus, Stimmen und Rufe drangen von draußen herein, ohne dass mir deutlich wurde, was los war. Schließlich betrat ein ehemaliger Mitarbeiter den Raum, und forderte uns dringlich auf, sofort das Gebäude zu verlassen. Vom Vordereingang hörte ich dann das laute Rufen einer Kollegin, die ebenfalls rief: „Alle raus hier!“ Ich schob meinen Stuhl an den Tisch heran und ging zum Ausgang. Von draußen forderte mich jemand auf: „Laufen, laufen, nicht stehen bleiben!“ Ich lief bis zur nächsten Straßenecke, drehte mich herum und sah auf die Trümmer des Magazingebäudes.

Welches ‚Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Ich sehe einen Kollegen, der noch nach mir das Haus verlassen hatte, aus der Staubwolke des eingestürzten Gebäudes auf mich zukommen. Hinter mir fragt ein Passant: „Was ist passiert?“ Der ehemalige Archivmitarbeiter, der mich gewarnt hatte, antwortet: „Das Historische Archiv der Stadt Köln ist soeben eingestürzt.“

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ich habe sofort versucht, meine Tochter zu erreichen, damit Sie von dem Unglück nicht aus den Medien erfährt. Schließlich habe ich eine Tochter unserer Nachbarn erreicht und sie gebeten, meine Tochter auf dem Weg von der Schule abzupassen und ihr zu sagen, dass ich und wahrscheinlich alle Kolleginnen und Kollegen das Gebäude rechtzeitig verlassen konnten. Den ganzen Nachmittag haben wir in einem benachbarten Hotel gesessen und sind dort mit Getränken und Essen versorgt worden. Jemand brachte eine große Kiste. Sie war gefüllt mit kleinen Schokoladentäfelchen. Das Schokoladenmuseum hatte sie uns geschickt.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Der Einsturz prägt bis heute meinen Berufsalltag im Archiv. Zunächst bedeutete es Schichtarbeit an der Einsturzstelle und im sogenannten Erstversorgungszentrum. Heute bedeutet es immer noch, nicht selbstverständlich auf Archivalien zugreifen zu können.

 

Journalistin und Übersetzerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Bei meiner Arbeit. Ich bin Augenzeugin. Das Gebäude, in dem ich arbeite, befindet sich Luftlinie 150 Meter von der Einsturzstelle entfernt. Ich saß mit meinem Chef in seinem Büro im 4. Stock mit genauem Blick auf das Archiv. Es war ein sehr heller und sonniger Tag. Es begann mit einem starken Grollen, die Fenster und Wände vibrierten leicht; so als würde ein sehr altes und schweres Transportflugzeug über das Gebäude fliegen (wir sind tatsächlich zum Fenster und haben danach Ausschau gehalten). Dann gab es einen extrem lauten Knall und ich hörte einen Kollegen schreien, das Gebäude, das Haus fällt und sah das Archiv in Richtung Severinstraße stürzen. Der Kollege schrie noch was von „Sprengung“ und dass niemand etwas angekündigt hätte, aber mir war direkt klar, dass es ein Unglück gegeben hatte. Unser Gebäude wackelte, es gab Nachbeben.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Wie schnell es unheimlich dunkel wurde und alles von Schutt überzogen war. Ein strahlender Frühlingstag, der sich innerhalb von Minuten zu einem 9/11-Szenario wandelte. – Die Ungeheuerlichkeit des ganzen Unglücks. Dieser Koloss von einem Gebäude, der einfach

in sich zusammenfiel. (Wobei „einfach“ natürlich völlig unpassend ist. Es war ja schon seit Jahren bekannt, dass der ganze Untergrund durchlöchert ist. Seit Monaten schwankten die Gebäude und den Pipelines, die jeden Tag mehr wurden, um das Wasser aus der Baugrube zu holen, konnte man auch täglich beim Wachsen zusehen …).

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ja, sehr große Angst. Angst, dass unserer Gebäude auch einstürzen würde; wir sitzen immerhin auch mitten auf einer größeren Trasse. Angst vor der Fontäne, die 50-Meter hoch aus der Einsturzstelle sprudelte (Gas, Wasser, Explosion?). Angst, weil keiner wusste, was wirklich los war. Die Medien riefen bei uns an, um Exklusivberichte zu bekommen … So viel zur Authentizität von Live-Berichterstattung … Angst und Verwirrung bei allen, die hier anriefen, z. B. den Betreibern des Altenheims nebenan. – Erstaunen darüber, wie schnell die Luft buchstäblich voll von Rettungshubschraubern war, die einen Höllenlärm machten, das Ganze, wie gesagt, vor dem Szenario eines völlig verdunkelten Himmels mit massig Schutt in der Luft.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Bis jetzt nach wie vor jeden Tag, da unter anderem der Verkehr nach wie vor erheblich behindert ist. Direkt nach dem Unglück hatten wir mehrere Tage keinen Zugang zu unserem Gebäude, da der Verdacht bestand, dass es auch einstürzen könnte. Ich erinnere mich noch deutlich, wie es war, als wir zum ersten Mal wieder ins Haus durften. Mit welchen beklemmten und gleichzeitig berührten Gefühlen wir uns untereinander begrüßten. Wirklich mit dem Gefühl „dem Teufel noch mal von der Schippe gesprungen zu sein“. Ansonsten komme ich auch bei meinem Weg zur Arbeit an dem Gelände vorbei, an dem das neue Archiv stehen soll. Fünf Jahre und nach wie vor ein fettes Loch. Allerdings hat sich auf dem neuen Gelände in diesem Jahr tatsächlich was getan. Ein Teil der leerstehenden Gebäude dort wurde abgerissen … Baubeginn für Außenstehende allerdings nicht in Sicht.

bildender Künstler

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Es war ein sonniger Frühlingstag, ich stand auf meinem Balkon und unterhielt mich mit meinem Nachbar, wir waren beide frisch in einen Neubau gezogen. Erst am späten Nachmittag, ich unterrichtete an einer Jugendkunstschule, hörte ich vom Einsturz. Ein Mädchen erzählte davon. Der Ernst der Lage wurde mir dabei nicht klar. Abends nach der Arbeit kehrte ich nach Köln zurück und aß beim Türken nebenan. Dort holten gerade einige Männer vom THW (Technisches Hilfswerk) etwas zu essen, ihre Einsatzfahrzeuge standen nebenan. Der Imbiß wollte kein Geld von den THW-Männern.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Der sonnige frische Frühlingstag auf dem Balkon mit einem ungestörten, friedlichen Blick Richtung Westen und Severinsviertel (Unglücksstelle). Blauer Himmel ähnlich wie am 11. September 2001.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Eingestürztes Gebäude wie im Erdbebengebiet. Ich habe einen Bericht in der Zeitung verinnerlicht, vom Bauarbeiter, der einige Archivbesucher gewarnt hat, das Gebäude sofort zu verlassen.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Mit Versuchen zur Aufarbeitung: „ArchivKomplex“ und „Köln kann besser“.

Rentner

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich erinnere mich ganz genau, ich bin mit dem „letzten Bus“ kommend vom Dom, am Archiv vorbei, Weiterfahrt zum Chlodwigplatz. Da angekommen hörte ich vom Einsturz. Ich war betroffen und dachte, ca. 5 Minuten früher wäre evtl. der Bus betroffen gewesen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Jedesmal, wenn über das Archiv gesendet, gesprochen und in der Zeitung steht, werde ich daran erinnert, besonders an die Busgeschichte.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ich war in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn und habe geholfen Kisten mit Akten zu entleeren, die dann in den Computer eingegeben wurde. Außerdem habe ich Sträußchen – Ecke Löwengasse/Severinstraße – gesammelt für Karneval, den Rosenmontagszug 2014.

Künstlerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich erinnere mich sehr gut daran! Ich habe als Redaktionsassistent beim DLF gearbeitet. Meine Chefin rief vom Nebenraum, dass ein Haus in Köln eingestürzt sei, wir haben direkt online recherchiert wo das Haus ist, die ungefähre Adresse stand schon beim Kölner Stadtanzeiger. Ein Kollege von mir ist zufällig die Woche vorher da gewesen und hat direkt beim Leiter angerufen und gefragt, ob es das Archiv war. Der ganze Tag war verrückt. Viele Kollegen und Kolleginnen wohnen in diesem Stadtteil und waren auf unterschiedliche Weise davon betroffen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Sorge, Ungläubigkeit, Stress auf der Arbeit – es drehte sich alles darum, sowohl auf privater Ebene als auch auf beruflicher Ebene. Ein Kollege ist sofort nach Hause gegangen. Es war unklar, wo seine Tochter war, die zur Nachbarschule ging. Eine Kollegin ist mit einem Paar befreundet, deren Wohnung kaputt gegangen ist – der blaue Schrank war von denen… so viele verrückte Geschichten.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Eine andere Kollegin erzählte mir in den Wochen danach, daß sie im Bus war, der am Archiv vorbeifuhr und davor hielt. Ein Bauarbeiter hat allen im Bus gesagt, schnell raus, es stürzt ein. Sie ist geflüchtet, hat ein vorbeifahrendes Auto angehalten und hat sich schnell wegfahren lassen, bevor ihr überhaupt klar war, was passiert ist.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Das Archiv hatte ich vor dem Einsturz nie wahrgenommen, obwohl ich regelmäßig mit dem Bus vorbeigefahren bin. Konfrontiert ist man seitdem ständig… Sei es im Alltag, weil der Bus immer noch eine andere Route fährt, oder weil die KVB immer wieder die Tarife erhöht. Immer wieder wird darüber berichtet, es ist inzwischen ein Teil der Stadtgeschichte/des Stadtbildes/der Stadtidentität.

Architekt

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich erinnere mich an den Tag des Einsturzes. Ich war auf der Beerdigung des Vaters von Freunden und eines bekannten Kölner Architekten und da gerade mit dem Fahrrad vom Melatenfriedhof zum „Leichenschmaus“ hin unterwegs auf der Aachener Straße, als das Telefon klingelte. Es war die Sekretärin meines Vaters, die ganz aufgeregt anrief, wo wir wären, sie hätte sich solche Sorgen gemacht: das Stadtarchiv sei eingestürzt. Das habe sie soeben im Radio gehört. Kurz darauf rief unsere älteste Tochter an. Wir schoben die Räder, während sie erzählte: „Dieses häßliche Gebäude gegenüber des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums“, sei eingestürzt. Ihre Freundin L. – zu der Zeit Schülerin des FWGs – hatte in der großen Glashalle des Gymnasiums gesessen und das Gebäude auf sich zustürzen sehen. Für uns war das völlig irreal: der Himmel war blau mit ein paar weißen Wolken, es war der Jahreszeit entsprechend kalt aber schön, wir haben soeben jemanden zu Grabe getragen – und dieses Gebäude sollte einfach in das Loch gefallen sein? Und ganz persönlich gab es noch den Grund, dass der allergrößte Teil seines umfassenden Archivs als Vorlass von meinem Vater – seines Zeichens auch ein Architekt mit einem großen und anerkannten Werk – eben auch dort ins Loch gefallen war. Meine Eltern waren auch auf der Beerdigung. Es waren viele Leute der Kölner Gesellschaft versammelt, davon auch einige, die Ihren Vorlass im Stadtarchiv haben. Unter anderem war nicht klar, wie viel von dem – in dem Moment – Nachlass des Architekten da ins Loch gefallen war, der nur kurz zuvor beerdigt worden war.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Der blau-weiße Himmel und die Ruhe im Gereonsviertel im Widerspruch zu diesen surreal- nicht fassbar-gewaltigen Bildern im Kopf.

Der Raum, in dem wir neben einem etwas niedrigeren Tisch mit Essbarem standen, mit Gläsern oder Häppchen in der Hand, während ich mit meinen Eltern über den Einsturz sprach. Mein innerlich gesenkter Blick – in Wirklichkeit habe ich meine Eltern natürlich angesehen – und mein angehaltener Atem.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ich habe meine Wege verändert. Ich bin nicht zur Einsturzstelle hingegangen, habe sie im Gegenteil über eine ganze Zeit – Wochen, zwei Monate? – ausgespart.
Das ehemalige Stadtarchiv, die Einsturzstelle, liegt an dem Weg, den ich immer mit dem Fahrrad von uns aus in die Innenstadt fuhr. Ich bin dann immer unten am Rhein entlang gefahren. Ich kann mich erinnern, dass ich das wirklich nur in Häppchen an mich ranlassen konnte. Dafür brauchte ich den blinden Fleck.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ja, in vielfältiger Weise wurde ich damit konfrontiert: Ich habe angefangen an Köln zu leiden. Es hat mir wirklich weh getan, was alles schief lief, gelaufen war – und läuft – in der Stadt. Da ist für mich persönlich ein Bruch zu der Stadt und meinem Gefühl zu ihr entstanden. Habe ich mich vorher wohl gefühlt hier, so überwog jetzt ein anderes Gefühl: Etwas Resignatives und Wütendes verknüpfte innerlich dieses Geschehen mit der Müllverbrennungsanlage, Messehallen, … („Verd… nochmal! Der Turm von St. Johann Baptist hat doch einige Zeit vorher schon schief gestanden, wie blöd kann man denn sein?“)

 

Sozialwissenschaftler

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja. Ich saß in der Stadtteilbibliothek und hörte ein Gespräch am Nebentisch von Jungens über den Archiveinsturz, der gerade (am selben Tag) geschehen war.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

A) Die Seite des Nachbarnhauses war aufgerissen und gab den Blick ins Innere frei, kein Puppenhaus, aber ein erschreckender Querschnitt.

B) Das Bild vom Bürotrakt, der zum Teil vom Einsturz verschont…. worden war und als Fragment neben der Grube stand.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die ehemaligen Kollegen haben glücklicherweise alle den Einsturz überlebt, was leider auf einige Nachbarn nicht zutrifft.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Die Initiative „Köln kann auch anders“ begegnete mir gelegentlich. Die Frage nach der Ursache beschäftigt bis heute Gerichte und die Öffentlichkeit.

Das Archiv war die Sammlung von Quellen zur Geschichte Kölns. Nirgendwo anders habe ich so unmittelbar den umfassenden und sinnlichen Zugang zu massenhaften, handschriftlichen und prozessproduzierten Quellen wie in Köln erlebt.

 

Bauzeichnerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Im Büro, massenhaft Einsatzfahrzeuge fuhren auf der Bonner Str. Richtung Innenstadt, ich telefonierte mit einem Kollegen aus Leipzig, der fragte – Was ist denn da bei Euch los – er hörte die Sirenen durch’s Telefon.

Fassungslosigkeit, als bekannt wurde, was passiert war.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Keines? Oder doch – die Rettungs- und Bergungskräfte; was davon im Fernsehen gezeigt wurde.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Herr Feldhoff (Neuhoff), der damalige Chef der Feuerwehr und dessen gefasste, souveräne Art und Weise, das Geschehnis zu vermitteln.

Herr Schramma, der als erster jegliche Verantwortung von “allen” bestritt.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Eigentlich immer, wenn ich daran vorbeikomme.

Persönlich hatte ich keinen Bezug, war nie da drin.

Bibliotheksangestellte

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich arbeitete in der Nähe, mittags hörte ich viel Feuerwehr und Polizei, sah eine riesige Rauchwolke in der Luft und immer wieder Hubschrauber in der Luft.

Im Radio hörte ich dann die Nachricht. Fahre jeden Tag daran vorbei auf dem Weg nach Hause. Hinterlässt ein ungutes Gefühl, der Blick darauf.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Diese riesige Rauchwolke und die kreisenden Hubschrauber.

 

Künstler

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich war in Düsseldorf und erfuhr es aus dem Radio – ich war wie gelähmt und hatte Angst, dass es noch mehr Menschen treffen könnte!

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Loch, schwarz, voll Wasser, kalter Rauch, Staub, stumme Schreie, …

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die traumatisierten Kinder im Bus, der im letzten Augenblick noch angehalten hat!

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich arbeite um die Ecke – d. h. Ich habe oft damit zu tun!
In der Zusammenarbeit mit ArchivKomplex denken wir stetig über zukünftige Nutzungsmöglichkeiten des Ortes nach! Auch der Neubau an anderer Stelle ist ein problematisches Feld!

 

Wissenschaftler

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich erinnere mich. Nur wenige Wochen zuvor war ich das letzte Mal im Archiv. Kollegen und Bekannte arbeiteten am Tag des Einsturzes im Archiv. Ich habe in Berlin vom Einsturz durch einen Live-Ticker auf der FAZ Website erfahren. Danach bin ich zum Telefon gestürzt und versuchte, meine Kölner Kontakte zu erreichen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Ein Bild ist nicht in meiner Erinnerung, weil es vom Tag des Einsturzes keine richtigen Bildaufnahmen gab.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Gegenüber des Archivs steht eine Schule. Es war pures Glück, dass das Archiv einstürzte und nicht die Schule. Anstelle von zwei Toten wäre es dann zu Hunderten toten Schülern gekommen. Der Aufschrei in Köln wäre sehr viel präsenter gewesen.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Zunächst hörte man, dass das Archiv für immer verloren sei. Mittlerweile scheint es so zu sein, dass sehr viel Material wieder aufwendig zugänglich gemacht und gerettet werden kann. Dass das Land NRW den zunächst geplanten Neubau eines angemessenen Archivs nun wieder zusammenschrumpft, stimmt traurig. Ein kulturelles Gedächtnis von europäischem Niveau sollte besser gefördert und geschützt werden.

Kaffeekioskbesitzerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war in Kapstadt und meine Münchener Freundin hat mir per SMS von dem Einsturz berichtet.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Ich bin mit dem Fahrrad an der Einsturzstelle vorbei gefahren – ‚gähnende Leere’! Bestürzend.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die Katze, die beim Einsturz gestorben ist.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Eine autonome Gruppe junger Menschen muß weichen, da das ‚neue’ Archiv genau auf dem Gelände gebaut werden wird, wo man sich seit Jahren trifft… Traurig.

 

 

Darsteller in Tanz und Theater

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Am 3. März 2009 hatte ich mit einer Partnerin Tango trainiert und ich fuhr mit dem Fahrrad wenige Minuten nach dem Einsturz direkt auf die Unfallstelle zu. Ich sah das riesige Aufgebot der Feuerwehr, suchte einen Umweg um die abgesperrte Region herum. Ständig hörte ich Polizeisirenen, ständig begegnete ich Polizeifahrzeugen. Die ersten Nachrichten dazu hörte ich um 15 Uhr zu Hause.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Die Absperrung der Severinstraße und die dort aufgereihten sechs oder acht schweren Fahrzeuge der Feuerwehr.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ich habe viele der Fotos gespeichert, die danach auf Nachrichtenseiten im Web veröffentlicht wurden. Davon sind mir zwei Fotos immer gegenwärtig, wenn ich an den Tag des Einsturzes denke: 1. Der Schuttberg mit einer Staubwolke darüber. 2. Der Blick auf den relativ niedrigen Schuttberg, nach Verschwinden der Wolke. Die Trümmer des 7-stöckigen Gebäudes sind zum größten Teil an beiden Seiten der Baugrube in der Tiefe verschwunden.

Mein erster Gedanke nach den Nachrichten war: Das hätte nie passieren dürfen. Hier haben sich gewiss Gedankenlosigkeit und Verantwortungslosigkeit von mehreren Institutionen und Personen vereinigt, sonst hätte das nie passieren können.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Wenige Wochen nach dem Einsturz habe ich mich einer Bürgergruppe angeschlossen, die sich aus Empörung über das Geschehen und über die Ausflüchte des damaligen Oberbürgermeisters zusammengefunden hat. Bis heute beteilige ich mich an Basispolitik zu diesem Thema.
Mich beschäftigt die Frage wie die Arbeit von Stadtrat, Verwaltung und Oberbürgermeister geändert werden muss, damit Verantwortung wirksam und bewusst wahrgenommen wird. Und die Frage wie in der Kölner Politik mehr Transparenz und mehr Bürgerbeteiligung erreicht werden können.

Das Archiv und sein Einsturz sind mir wichtig als Anlass zum politischen Handeln. Kulturell oder als Quelle für Recherchen hat das Archiv keine Bedeutung für mich.

IT-Fachkraft

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Auf der Arbeit. Ich habe in den Nachrichten davon gehört. Nach meiner Arbeit fuhr ich mit der Straßenbahn in der Nähe der Unfallstelle vorbei. Man konnte dort bereits den ersten Kran sehen. Ich habe während des Tages die Nachrichten weiter verfolgt und abends im Fernsehen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Bild der Baugrube und des halb eingestürzten Hauses, in dem die Menschen ums Leben gekommen sind.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Es wurden Kränze und Blumen vom Bauzaun an der Einsturzstelle entfernt.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Auch wenn ich es nicht genutzt habe wurde hier das ‚Gedächtnis’ der Stadt verwaltet und allen Interessierten zur Verfügung gestellt. Dies ist auch für spätere Generationen sehr wichtig.

Pfarrerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich arbeitete in der Melanchthon Akademie am Kartäuserwall (ca. 800 m vom Archiv entfernt). Als ich die Nachricht im Radio hörte, bin ich zum Einsturzort gegangen, um zu erfahren, ob jemand notfallseelsorgerlich Hilfe braucht. Ich sollte mich im Mercure Hotel melden und fragen, ob jemand Hilfe braucht. Dort hatten sich aber nur wenige Einsturzopfer eingefunden, die schon versorgt waren. Die Luft war staubig und die Seelen verstört.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das halb aufgeschlitzte Haus, mit dem jungen Mann in zweiten Stock, der angesichts des Abgrundes von seinem Wohnzimmer aus telefonierte.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Viele Erinnerungen und Geschichten. Herausragend war die Gedenkfeier (2014) am Einsturzort. Während ein paar Meter weiter der Rosenmontagszug vorbeilief – beides gut gelungen!

 

Messe- und Veranstaltungsbauer

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Zu Hause – vor dem Fernseher – fassungslos.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Der blaue Schrank in der Wohnung des halb zusammen gefallenen Hauses, der einem Bekannten von mir gehörte und der von diesem Unglück aus dem Fernsehen in seinem Urlaub in Australien erfuhr.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die mahnenden Worte des Pfarrers der Stephanskirche, der sich mit der Geschichte des Viertels und dem Grund für die Bezeichnung der Straßen des Viertels mit der Endung -bach in Vorfelde des Einsturzes auseinandersetzte.

Kundenbetreuerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war in der Schule im Unterricht. Meine Mutter hat nach dem Einsturz dort als Reinigungskraft gearbeitet.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von dem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Überall war Chaos.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich wurde in der Hinsicht damit konfrontiert, dass meine Mutter dort mitgeholfen hat und sie mir erzählt hat, wie viel noch zu tun ist und was für ein Chaos überall herrscht.

 

Journalist

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Wahrscheinlich ist, auch wenn die Ausmaße und glücklicherweise auch die Zahl der Opfer natürlich nicht vergleichbar sind, der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln für jeden und jede, der/die in dieser Stadt lebt, ein Ereignis wie der 11. September 2011 für alle Menschen in New York: Man wird sich immer daran erinnern, wo man war, als die Nachricht kam. Ich war an jenem Tag in der Redaktion, als gegen kurz nach 14 Uhr über die Nachrichtenagenturen die Nachricht über den Einsturz eines Gebäudes in der Kölner Innenstadt kam. Ein Blick auf lokale Internetseiten grenzte den Ort auf den Waidmarkt ein. Ich wusste, dass dort neben zwei Schulen auch das Historische Archiv stand und habe nach wenigen Telefonaten dann die Bestätigung bekommen, dass es sich tatsächlich um dieses Gebäude handelt. Ich bin sofort aufs Fahrrad gestiegen und zum zehn Minuten entfernten Waidmarkt gefahren, der bereits provisorisch abgesperrt war. Trotzdem war es möglich, den Einsturzort zu sehen. Wenig später fand dann in einer nahe gelegenen Feuerwache eine erste Pressekonferenz von Stadt und Feuerwehr statt, bei der ich gefragt habe, ob bekannt sei, dass sich Mitarbeiter des Archivs bereits seit längerem über Bewegungen des Gebäudes beklagt hätten und dass im Keller deshalb auch Leitungen gerissen seien.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Von jenem Tag ist mir natürlich vor allem der gigantische Schutthaufen am Standort des ehemaligen Archivs in Erinnerung. Und die durch den Einsturz des Nebengebäudes halb zerstörten Wohnungen von Anwohnern. Eine war grün tapeziert, in einer anderen stand ein blauer Schrank – fröhliche, leuchtende Farben über einem Trümmerfeld. In diesem Moment wurde klar, dass es hier nicht nur um historisch wertvolle Archivalien, sondern vor allem um Menschen ging. Mein jüngster Sohn war noch kurz zuvor mit seiner Schulklasse im Bus über jene Straße gefahren, auf der sich nun Schutt türmte.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Vor allem die an meinem letzten Besuch dort, nicht lange zuvor: eine Führung durch die Depoträume mit Eberhard Illner, der die dort gelagerten Bestände kannte wie kein Zweiter. Er ging mit mir durch die dunklen Räume, vorbei an Hunderten von Regalmetern. Manchmal blieb er stehen, zog Archivkartons heraus und sagte: „Sehen Sie, hier sind die Briefe von Paul Celan, dort der Nachlass von René König, dort die Partituren von Jacques Offenbach. Illner, der inzwischen das Historische Zentrum und das Engels-Haus in Wuppertal leitet, hat dieses Archiv geliebt. Er hat den unermesslichen kulturellen Wert von Hunderten Jahren Kölner, deutscher und europäischer Geschichte begriffen. Und er fühlte sich, als ich kurz nach dem Einsturz mit ihm sprach, persönlich den Leihgebern gegenüber verantwortlich, denen er versprochen hatte, dass ihre Leihgaben in seinem Haus sicher seien. Deshalb hatte er im Vorfeld auch immer wieder auf Bewegungen des Hauses hingewiesen und die entstandenen Schäden fotografiert.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Wir haben im Deutschlandfunk bis heute immer wieder über das Archiv, den Einsturz, die nachfolgenden Untersuchungen und die mangelnde Bereitschaft der Stadt Köln, dafür Verantwortung zu übernehmen, berichtet. Persönlich bemerke ich das Fehlen des Archives vor allem in einem Bereich, den ich seit vielen Jahren publizistisch verfolge: die Suche nach NS-Raubkunst in privaten und öffentlichen Sammlungen. Im Historischen Archiv der Stadt Köln, die lange eine der führenden Kunststädte Europas war, befanden sich auch die Nachlässe vieler Kunstsammler, die nun nicht mehr zugänglich sind. Vielen, vor allem jüdischen Familien wird es deshalb auf lange Zeit unmöglich sein, ihre Ansprüche auf zwischen 1933 und 1945 geraubte Kunstwerke zu begründen.

im Ruhestand

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich erinnere mich an den Tag des Einsturzes. Ich war zu Hause. Ich hatte frei. Ich habe in der fraglichen Zeit Nachrichten gehört und durch den WDR von dem Unglück erfahren. Ich traute meinen Ohren nicht und dachte, das gibt es doch nicht! Unser Stadtarchiv?! Da habe ich doch kürzlich noch recherchiert. Das brauchen wir doch! Ich kenne doch Menschen, die dort arbeiten. Was ist mit Herrn Frehde in seinem Glaskasten am Empfang? Später habe ich das Fernsehen eingeschaltet und erste Bilder gesehen. Fassungslos. Das war surreal.
Ich engagiere mich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Werkstatt für Ortsgeschichte Köln-Brück e.V. Am Abend des 03.03.2009 fand unser traditionelles Jahresanfangsessen in einem Brücker Restaurant statt. Da war der Einsturz natürlich das Tagesgespräch. Eine fröhliche Zusammenkunft von promovierten und nicht minder engagierten Hobbyhistorikern am Tag des Einsturzes des Stadtarchivs. WHAT AN IRONY OF LIFE! Ein Mitglied unserer Gruppe hatte Verbindung zur Archivleitung und erzählte Einzelheiten und Umstände. Ganz schnell wird beschlossen: Wir werden bei der Bergung helfen. In den darauf folgenden Tagen haben wir uns in die Liste der möglichen Unterstützer eingeschrieben.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Ich sehe mich fassungslos vor dem Fernseher stehen und die Bilder aus der Severinstraße ansehen – ohne zu begreifen, was da vor sich geht.
Ich sehe die Silhouette der Kirche von St. Georg.
Ich sehe Feuerwehrleute in „vollem Ornat“.
Ich sehe Blaulicht, Feuerwehrautos.
Ich höre Martinshörner.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ja – ganz viele. Ich könnte ein Buch darüber schreiben.

– Die Trauer über den Tod der beiden jungen Männer.

– Die Trauer über den Tod der alten Dame, die überlebt hat, aber kein Zuhause mehr hatte.

– Ich sehe unseren um Jahrzehnte gealterten Oberbürgermeister, Fritz Schramma, der aus dem Urlaub nach Köln zurückgeeilt ist und ein verwirrtes Statement vor Fernsehkameras abgibt.

– Die Freude über das Überleben einer Katze, die ein junger Feuerwehrmann aus Köln-Brück unversehrt in den Trümmern fand. Stefan L. war mit meinen Töchtern im gleichen Kindergarten.

– Das Erstaunen bei der Nassbergung ein Buch der Geschichtswerkstatt Brück in Händen zu halten, an dem ich selbst mitgewirkt habe.

– Die Wunde in der Stadt, als die Unglücksstelle wieder zugänglich ist.

– Die unendlichen Umleitungen um das Gebiet am Waidmarkt.

– Gelbe Umleitungsschilder, die vom Geschehen weglenken.

– Die Teilnahme an der Gedankveranstaltung zum 1. Jahrestag des Archiveinsturzes.

– Die Trauermusik der Orchester Tröt op Jöck und Dicke Luft.

– Die schwarzen Tränen aus dem Stadtwappen an den Maschen des Bauzaunes.

– Das Treffen zum zweiten Jahrestag des Einsturzes – wieder in der Karnevalszeit, diesmal im Kostüm.

– Das U-Bahn Lied zur Melodie von Karl Berbuers Do laachste dech kapott, dat nennt mer Camping. Seit 2011 singt man: „Do laachste dech kapott, dat nennt mer U-Bahn, do laachste dech kapott, he jeng dr Zoch“ …

– Der neue Slogan der KVB: „Wir bewegen Menschen“ … und Häuser.

– Der Satz: „Wir gehen noch auf einen Absacker in die Südstadt“ bekommt einen faden Beigeschmack. Man sagt das jetzt nicht mehr.

– Irritationen und Magenschmerzen, als ich im Landesarchiv Düsseldorf wieder Originalarchivalien aus dem Landkreis Mülheim in Händen halte.

– Die Trauer, dass ich die Originaldokumente des Urgroßvaters meiner Kinder
betreffend nie sehen werde.

– Die Freude, dass ich noch einige Urkunden aus dem Leben dieses Herrn
besitze und sein Tagebuch gescannt und übersetzt habe.

– An den Tag der Archive 2010 und die Ausstellung über die Restaurierung.

– An den neuen Fachbegriff Kölnflocken – der einen faden Beigeschmack hat, ganz anders als die Köllnflocken aus Elmshorn.

– Aus der Zeit im EVZ sind ein paar schöne Freundschaften entstanden.

– Die Freude an der Arbeit mit Geschichte ist geblieben.

Ein viel bemühtes Zitat von Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich habe in 2009 bei der Nassbergung versunkener Archivalien geholfen und im Hof des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums Archivgut geduscht, in Klarsichtfolie gepackt, niedergeschrieben, was noch über die Herkunft zu erkennen war, die verletzten Dinge in Gitterboxen gelegt, die abends von der Firma Reisswolf abgeholt wurden und zum Schockfrosten transportiert wurden. Arbeitslos gewordene Archivmitarbeiter haben die Helfer fürsorglich versorgt. Am Schichtende saßen wir nass und schmutzig mit einem Lunchpaket auf dem Schulhof. Es war gut – etwas tun zu können. Es war Trauerarbeit.

In meiner persönlichen Geschichtsforschung und in der Arbeit der Werkstatt für Ortsgeschichte muss ich neue Wege gehen. Für eine aktuelle Arbeit zum 100. Jahrestag der Eingemeindung der Bürgermeisterei Merheim im Landratsamt Mülheim nach Köln, am 01.04.1914 kann die Werkstatt nicht mehr auf den Bestand 868/23 – 26 und Accession 403/V-1-129 zurückgreifen. Gott sei Dank haben wir 1992 viele dieser Unterlagen reproduzieren lassen.

Abiturientin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Am Tag des Einsturzes habe ich in der Turnhalle einer Schule, die sich direkt neben den Stadtarchiv befand, Basketball gespielt. Wir haben von dem Einsturz nichts mitbekommen. Uns fiel nur auf, dass erstaunlich viele Rettungskräfte an der Halle entlang fahren. Ungefähr eine halbe bis dreiviertel Stunde später kam der Hausmeister in die Halle und hat uns vom Einsturz des Archivs erzählt. Wir mussten die Halle direkt verlassen. Als wir auf den Schulhof gingen, sahen wir ein halb abgerissenes Haus und begriffen erst dann, was passiert war.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Bild, welches mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war der Anblick des halb abgerissenen Hauses. Vor allem die Wohnung im obersten Stockwerk, in der noch ein Sessel stand.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Meine Freundin hatte an dem Tag Geburtstag und ich habe zufällig eine alte Bekannte getroffen, deren Tochter auf das FWG ging.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Es war in der Schule ein großes Thema. Wir wurden in die Fachhochschule umgesiedelt und hatten die erste Woche nach dem Einsturz keinen Unterricht. Wochenlang konnten wir nicht in unsere Schule zurück und der Unterricht in der Fachhochschule verlief teilweise sehr improvisiert. Die Lehrer haben nicht besonders viel mit uns Schülern darüber gesprochen. Uns wurde angeboten, zur Schulpsychologin zu gehen, aber soweit ich das beurteilen kann, ist dort niemand hingegangen. Uns Schülern blieb der Einsturz des Archivs deshalb präsent, da eine Laufbahn aufgerissen wurde. Ansonsten wurde das Thema in der Schule nicht mehr angesprochen.

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Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war bei der Arbeit. Habe die Nachrichten gehört und bin sofort mit dem Rad zur Einsturzstelle gefahren – weil ich es nicht glauben konnte.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Betonmischer. Hunderte von Betonmischern, die in langer Reihe bis zur Straße „Am Weidenbach“ standen und warten, das riesige Loch zu verfüllen.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Keiner hat Schuld. Die Baustelle ist nie zu begehen.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Mein Cousin (ich mag ihn nicht) hat jetzt einen Job zur Restauration der Archivalien. Er ist Historiker.

Unternehmerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Als ich in den Nachrichten von dem Unglück hörte, bekam ich einen Schock. Das Archiv ist das Gedächtnis der Stadt.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Gebäude war weg, alles war weg, wie im Krieg. Es sah aus wie auf Bildern von August Sander von 1945.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ich erinnere mich an die zwei Toten, an die kaputten Wohnungen und das Loch an der Severinsstraße.

 

Angestellter

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war in Bergheim und habe gearbeitet.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Dach des Gebäudes – SCHWARZ.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die albernen Entschuldigungen und lächerlichen Erklärungsversuche der Amtsträger der Stadt und der KVB. In Köln haben alle gelernt, keine Verantwortungen zu übernehmen!

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Presse, Medien – durch eigene Gedanken.

Geschichte ist Erinnerung, die in die Zukunft weisen kann und soll.

 

Erzieherin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war bei der Arbeit und eine Kollegin erzählte mir davon.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Einsturzbild im Kölner Stadtanzeiger. Totales Chaos.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Meine Freundin arbeitet mit 1€-Lohnempfängern. Ein Teilnehmer zeigte auf ein Bild im Stadtanzeiger, auf dem eine halbe Wohnung zu sehen war und weinte: Das ist mein Badezimmer.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Nur insofern, als dass ich Berichte gelesen und Nachrichten im Fernseher gesehen habe. „Schlimmer“ als den Einsturz finde ich den Tod zweier Menschen und Verantwortliche die versuchen, sich die Schuld gegenseitig in die Schuhe zu schieben.

Kauffrau

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war im Büro bei der Arbeit. Kollegen die Kölner sind, haben vom Ausland aus angerufen und gefragt, was denn in Köln los sei.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich fand die Bergung der Unterlagen ganz spektakulär. Auch war ich beeindruckt, daß die U-Bahn-Arbeiter noch in der letzten Minute die Menschen im Wohnhaus nebenan gewarnt haben. Leider wird nie ganz geklärt werden, wie es zu dem Einsturz kam. Es kamen zwei Menschen bei dem Einsturz ums Leben.

Bilanzbuchhalterin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Oh ja, leider, leider immer noch mit großem Schauern …!

Ich hörte es im Bus später, weil ich nicht zur Severinstraße fahren durfte!

Selbst die Fahrerinnen und Fahrer der KVB erhielten nur die Information, daß die Wege zur und von der Severinstraße sowie die zum Heumarkt usw. gesperrt seien … Nur die Linien 1, 9 und 7 durfte man benutzen! Das war aber nur bedingt gut, da man dann in Deutz auch z. T. nicht weiterkam! Ich konnte zum Glück mit der S-Bahn einen (großen) Umweg fahren …!

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Bild von absoluter Zerstörung…! Es erinnerte etwas an Zeiten von 1952/53 oder 1954 als man … um sich … oft … Trümmergrundstücke sah …!

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ja, gute – und zwar an die vielen Jahre, in denen wir das Haus voller Leben und intakt sahen, nicht nur bei Ausstellungseröffnungen!

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Für mich bedeutete und bedeutet es auch heute noch eine Riesenwunde, nicht nur äußerlich, ganz besonders “innerlich”, d. h. ich darf nicht daran denken, welche und wieviele Werte verlorengegangen sind!!! In dem einen oder anderen Fall kann man es nicht nur als “Kölner”, sondern auch als “europäisches” Gewissen und Wissen bezeichnen!!

 

Grafikdesigner

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Zu der Zeit des Einsturzes war ich in der Werbeagentur arbeiten. Ich habe direkt davon erfahren, ein Kollege arbeitet beim Technischen Hilfswerk und wurde von der Arbeit zum Großeinsatz abgezogen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Die Trümmer und der Krater aus den Nachrichten.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Viele aufregende Erzählungen vom Kollegen beim Sucheinsatz der verschütteten Personen unter den Trümmern.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich habe noch oft interessiert den Archiveinsturz beobachtet, vor allem den unbezahlbaren Verlust des Archivs. Ich selbst habe wenig Bezug dazu.

 

Rentnerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war in der Claudius Therme mit einer Freundin: Sie war in Panik, weil ihre beiden Kinder genau gegenüber des Archivs auf das Gymnasium gehen…

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Der Unglücksort und die Gesichter der beiden jungen Leute, die ums Leben gekommen waren. Den einen jungen Mann kannte ich ein bisschen und wusste, dass er als Lehrling in der Bäckerei Zimmermann (Innenstadt) arbeitete und dort sehr beliebt war. Eine Kollegin von ihm (Bianca aus Kroatien) war sehr, sehr traurig.

 

bildende Künstlerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

An diesem Dienstag, dem 3. März 2009, bekam ich kurz nach 14 Uhr einen Anruf von einer Bekannten, die die Nachricht vom Einsturz über eine Agentur erhalten hatte. Ich rief direkt als erstes eine Archivarin zu Hause an, mit der ich befreundet bin und die normalerweise halbtags, also bis 14 Uhr, im Archiv arbeitet. Ihr Sohn war am Telefon und sagte mir, seine Mutter hätte die Nachricht zu Hause bekommen; sie sei schon wieder Richtung Archiv unterwegs… (Später erfuhr ich, dass sie schon einen Stapel Dokumente in der Hand hatte, um damit ins Magazingebäude hochzufahren; da rief ihr Sohn sie an, um ihr zu sagen, dass er früher schulfrei habe. Daraufhin legte sie die Dokumente wieder hin und fuhr nach Hause…)

An dem Nachmittag hatte ich einen Zahnarzttermin; den sagte ich ab und versuchte, mit meinem Fahrrad zum Ort des Geschehens zu gelangen. Die Einsturzstelle war sehr weiträumig abgesperrt; Polizisten ließen niemanden durch (auch nicht eine junge Frau, die in Tränen aufgelöst nach ihrem Bruder fragte, der in einem der angrenzenden Häuser wohnte und den sie telefonisch nicht erreichen konnte – vielleicht eine Schwester eines der beiden Verschütteten…). Ich versuchte, von einer Seitenstraße an der Rückseite des Archivgeländes aus einen Blick auf die Unglücksstelle zu werfen – um dadurch das unfassbare Geschehen vielleicht begreifen zu können. Ich konnte lediglich sehen, dass an der Stelle des Magazingebäudes gespenstische Leere klaffte… Darüber kreisten Hubschrauber, und aus allen Himmelsrichtungen hörte man die Sirenen der Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge. Endlich konnte ich meinen Freund im Kölner Norden telefonisch erreichen; er wollte mir nicht glauben, was passiert war – und auch ich hatte Mühe, das Geschehen als „Wirklichkeit“ zu akzeptieren.

Erst am Abend, als ich bei einer Freundin auf ihrem Bett sitzend im Fernsehen die Bilder von den Trümmern des eingestürzten Gebäudes sah, fing ich langsam an zu begreifen, was dies für die „Dinge“ (vor allem für die künstlerischen und literarischen Werke im weitesten Sinne) meines verstorbenen Lebenspartners bedeuten musste. Dabei dachte ich besonders an die eher persönlichen, vielleicht „unbedeutenden“ Dinge, die mir besonders nah gewesen waren. Es war für mich so, als ob er ein zweites Mal gestorben wäre.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Es sind drei Bilder:

Erstens: Ich erlebe vor mir an der Absperrung die verzweifelte junge Frau, die den Polizisten versucht zu überreden, sie an die Unglücksstelle zu lassen, damit sie nach ihrem Bruder suchen kann.

Zweitens: Ich stehe auf einer harmlos aussehenden Seitenstraße inmitten von Sirenengeheul und versuche, meinen Freund von der Wirklichkeit des Einsturzes zu überzeugen, die ich selbst noch nicht begreifen kann.

Drittens: Ich sitze neben meiner Freundin auf ihrem Bett und spüre fast körperlich die Verletzungen, die den handschriftlichen Manuskripten, kleinen Zeichnungen und anderen persönlichen Hinterlassenschaften meines langjährigen Partners zugefügt wurden; da löst sich endlich meine Anspannung…

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Natürlich – da ich durch die drei Nachlässe aus meiner Familie (die meines Großvaters, meiner Mutter und meines Lebenspartners) eng mit dem Archiv verbunden war – und vor allem durch die Ausstellung, die ich 2005 im Ausstellungsraum des Archivs für meinen Partner mit seinem Nachlass gemacht habe, wodurch ich auch die Menschen dort und den Ort sehr gut kennenlernte. Der Nachlass meines Partners wurde dann über die Dauer von drei Jahren verzeichnet; das Verzeichnis war Ende Januar 2009 abgeschlossen. Es umfasst alleine 350 Seiten; es ist zum Glück erhalten geblieben, so dass man jetzt weiß, was man hätte …

Ziemlich direkt nach dem Einsturz kamen mir folgende Überlegungen: Wer bestimmt überhaupt, was bzw. wessen Nachlass in einem Archiv aufbewahrt wird – und wessen nicht? Und wer ist überhaupt in der Lage, so etwas wie einen Nachlass zu hinterlassen? Wenn wir am anderen Ende der Welt leben würden, wären wir möglicherweise von früh bis spät mit unserer Lebenssicherung beschäftigt und hätten vielleicht gar nicht die (bildungsmäßigen) Voraussetzungen, so etwas wie Kunst, Literatur oder Geschichtsschreibung zu hinterlassen… Zugegeben, eine etwas hilflose gedankliche Konstruktion angesichts meiner Trauer und Wut – und angesichts der skandalösen Geschehnisse, die zum Einsturz geführt haben!

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Kurz nach dem Einsturz wurde ich von der StadtRevue um ein Statement gebeten, da mein Partner – Schriftsteller und Fotograf – ja eine im Kölner Kulturleben bekannte Persönlichkeit gewesen war. Im Jahr 2009 hatte ich dann ein umfangreiches eigenes Programm mit meiner künstlerischen und kuratorischen Arbeit und einer langen Amerika-Reise, so dass ich mich erst bei der großen Veranstaltung zum 1. Jahrestag des Einsturzes richtig mit dem Thema konfrontieren konnte und dann auch so nach und nach begriff, was der Einsturz ganz konkret bedeutete und welche Verluste damit verbunden waren – natürlich vor allem für die Angehörigen der Verunglückten und für diejenigen, die ihre Wohnungen und ihre Habe verloren hatten, aber auch für mich persönlich und für das Werk meines Partners wie auch allgemein für die Forschung und Geschichtsschreibung. Es dauerte dann noch ein weiteres Jahr, bis ich über die künstlerische Bearbeitung des Einsturz-Themas – durch das Theaterstück „Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek, vor allem aber durch die Ausstellung „Best Before …“ von Sara Levin im Neuen Kunstforum im Frühjahr 2011, an der ich mitgewirkt habe – selber aktiv werden konnte und sozusagen über meine eigene traumatische Erfahrung und persönliche Betroffenheit hinweg über das Thema in der Öffentlichkeit sprechen konnte. Dies habe ich als sehr „heilsam“ empfunden. Daher entstand im Zusammenhang der Diskussionen um eine zukünftige Neugestaltung des Einsturzortes die Idee, durch temporäre künstlerische Interventionen direkt am Ort des Geschehens, aber auch darüber hinaus, den Einsturz und seine Ursachen und Folgen zu thematisieren, die Erinnerung an diese Kölner Katastrophe über die Jahrestage hinaus wach und lebendig zu halten und so auch diesen „Un-Ort“, den viele Betroffene immer noch nicht wieder aufsuchen können, zu „behandeln“. Ende 2011 führte diese Idee zur Gründung der Initiative ArchivKomplex (www.archivkomplex.de), die sich seitdem mit ihren Aktionen und Veranstaltungen in der Öffentlichkeit für eine bewusste Auseinandersetzung mit den vielfältigen Aspekten dieses Geschehens einsetzt.

Darüber hinaus versuche ich, meine Rechte als Nachlassgeberin und Erbin der Autorenrechte meines Partners in der seit 2012 bestehenden „Interessengemeinschaft der Vor- und Nachlassgeber“ wahrzunehmen. Dabei geht es um juristische Fragen wie z. B. die der Verjährung von Ansprüchen auf Entschädigung, aber auch um die Auseinandersetzung mit der Archivleitung um die Respektierung unserer berechtigten Interessen bei der weiteren Aufarbeitung der Folgen des Einsturzes.

Künstlerin und Schriftstellerin

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Nach dem Tod meiner Mutter in London vor zehn Jahren, brachte ich die Nachlässe der letzten Generationen meiner Familie zurück nach Deutschland – an jenen Ort, dem sich nicht alle durch Flucht die Überlebenden des Nationalsozialismus hatten entziehen können. Ich entschied mich spezifisch für dieses Archiv, weil hier bereits der Nachlass meines Großonkels Wilhelm Unger nach seinem Tod 1985 aufgehoben wurde.

Unser persönliches Archiv umfasste neben originalen Noten meines Vaters – zwei Opern und andere musikalische Kompositionen – und den Filmdrehbüchern meines Großvaters Alfred Ungers, auch die Photographien und Briefe jener Familien-Mitglieder, die in Nazi-Deutschland ermordet wurden. Von diesen Dokumenten haben wir keine Kopien.

Rentner

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich habe die Hubschrauber gehört und gesehen, dann habe ich Nachrichten geschaut und bin in die Georgstraße gelaufen, weil dort meine Mutter lebt und habe sie zu mir geholt.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Es sah aus wie ein Trümmerberg aus meiner Kindheit, es war mir vertraut.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die Schäden in der Wohnung meiner Mutter und dass ein Feuerwehrmann mich begleiten mußte, weil ich keinen Zugang bekommen sollte.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Durch die beiden Toten.

Ein großes Stück Familiengeschichte, was verschwunden ist. Ein sehr großer Schmerz und ein riesiges Stück Wut.

kaufmännische Angestellte

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

An den Tag selber habe ich keine Erinnerung. Ich habe es im Laufe des 3. März im Radio gehört. Am Abend vorher waren meine Tochter und mein Mann am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium auf einer Informationsveranstaltung zur Frage, ob meine Tochter zum nächsten Schuljahr aufs FWG wechselt. Tja, und am 03.03. war die Schule dann quasi nicht mehr vorhanden.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Die Sorge um die Verschütteten und die Erfahrung, dass auch in Deutschland, in Köln so eine Katastrophe passiert.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die aufregenden Tage, bis klar war, dass das FWG weitergeht und auch noch Externe aufnimmt. Die Versammlung im Humboldt-Gymnasium mit vielen Eltern, Schülern und Vertretern der Stadt mit der Frage, wie geht es weiter.

Bauingenieur

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ja, ich erinnere mich. Ich war zu Hause, von wo ich über die Stadt blicken kann und sah, dass mehrere Hubschrauber über der südlichen Innenstadt kreisten. Aus den Radionachrichten war dann eine erste Meldung über die Havarie in der Severinstraße zu hören. Zunächst konnte ich gar nicht glauben, dass so etwas passieren könne. Ich bin allerdings nicht zur Unglücksstätte gefahren, da man dort nur stören würde.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Die Bilder, die im Fernsehen oder am nächsten Tag in der Presse zu sehen waren, haben mich sehr erschüttert. Aus meiner früheren beruflichen Tätigkeit kannte ich die Situation im Zusammenhang mit dem Gleiswechselbauwerk ziemlich genau. Als Ingenieur und Tunnelbauer war mir das Geschehen, das zum Einsturz des Archivgebäudes und der Nachbarhäuser geführt hat, völlig unfassbar. Das gilt bis heute.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die Stellungnahmen aus fachlicher oder politischer Sicht waren völlig unbefriedigend, und sofort wurden abenteuerliche Spekulationen geäußert, die aus fachlicher Sicht teilweise absurd waren.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ja. Da ich bis 2013 Leiter des städtischen Amts für Brücken und Stadtbahnbau war, sind mir die Planungen und Bauvorbereitungen bestens bekannt.

Mein Nachfolger im Amt bat mich schon im April des Unglücksjahres bei der Klärung der Ursachen und der Beweissicherung zu helfen. Ich war dann bis April 2011 – also für etwa zwei Jahre – nochmals beruflich mit den Maßnahmen befasst, die zur Bergung und zur Ursachenklärung getroffen wurden.

Das Archiv selbst kannte ich ziemlich gut, wenn ich es auch weniger professionell genutzt habe.

Ein Beispiel für die Berührungspunkte:

Das Amt für Brücken und Stadtbahnbau plante zusammen mit dem Stadtarchiv eine Ausstellung aus Anlass des hundertsten Geburtstag des Stuttgarter Professors Fritz Leonhardt, der in Köln als anerkannter Fachmann an konstruktiven Aufgaben an vielen Gebäuden maßgeblich mitgewirkt hatte, besonders an den Rheinbrücken. Diese Ausstellung hätte im Jahr des Einsturzes in der Eingangshalle des Stadtarchivs stattfinden sollen, die Vorbereitungen waren weitgehend abgeschlossen. Das war nun nicht mehr möglich. Sie fand dann im damaligen Diözesanmuseum statt.

Rentnerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich erinnere mich und war zu Hause. Als die Meldung im Radio kam, konnte ich es erst nicht glauben, erst der Fernsehbericht hat mich geschockt. Dieses Unglück kann ich nicht vergessen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Die eingestürzten Häuser – fassungslos. Bilder, wie man sie in Kriegskrisen sah. Das schlimmste: die toten Menschen.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Tunnelbau in Köln ist hier immer wieder ein Thema: Hier hat die Stadt Köln versagt!

 

Privatier

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich befand mich auf der Rückfahrt aus dem Urlaub und hörte von dem Unglück über das Autoradio.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Ich war extrem schockiert und fragte mich, ob auch Schüler vom FWG Schaden genommen hatten.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Habe als Schüler des gegenüberliegenden Gymnasiums das Gebäude 9 Jahre jeden Tag gesehen und dennoch keine Beziehung dazu gehabt, da es ein nüchterner Zweckbau war.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich finde den Fortgang bzw. die (Nicht-)Aufklärung total skandalös = kölsch?!

Wie oben dargelegt, habe ich keinen Bezug zum Gebäude.

Kauffrau

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Nachdem ich davon gehört habe, dachte ich an die betroffenen Menschen. Wo ich war, weiss ich nicht mehr. Ich hatte Sorge um meine Freundin und ihre Tochter, die sich an diesem Tag in der Nähe des Archivs treffen wollten.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Ein großes tiefes Loch.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Kurz vorher ging dort der Karnevalszug entlang.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Große Baustelle in der Severinstraße. Das Archiv bedeutet mir wenig – ich lebe lieber im Jetzt.

Künstler

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war auf Reisen, auf der Fähre zwischen Sta. Teresa/Sardinien und Bonifaciu/Korsika. Dann bekam ich eine SMS, dann noch eine und dann war ich in großer Unruhe, weil nicht klar war, wieviel Personen vom Einsturz körperlich betroffen/verletzt/getötet sein könnten.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Eine Fotografie aus dem Hintergebäude des Lesesaals über den Schuttkegel und -trichter hinweg aufgenommen, mit Blick auf den Ikarus am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ja, ich habe an dem Einsturztag und an den folgenden Tagen sehr viel ferngesehen, soviel ich vom Archiveinsturz sehen konnte, lokales TV, das ich bei meinen Aufenthalt auf Korsika sehen konnte. Ich begann Emails zu schreiben und erste Kontroversen setzten ein, darüber, ob ALLES verschwunden sein könnte. Ich war erschüttert, aber es war nur eine sachliche Betrachtung des Schadensereignisses (soweit das mit den befürchteten Todesopfern, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden waren möglich war).

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Meine Arbeit, die mich seit 1991 oft ins Archiv geführt hatte, war und ist durch den Einsturz sehr erschwert. Ich engagiere mich in der Initiative ArchivKomplex und habe das Fotobuch „Zeitraffer Waidmarkt – Bildarchiv 2004-2011“ gemacht.

Historikerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich habe unterrichtet und wollte anschließend ins Archiv, ich beendete gerade meine Doktorarbeit. Dann sah, ich dass ich zehn Anrufe von meiner Mutter auf dem Handy hatte. Ich rief sie also an und sie fragte mich, wo ich wäre? Ich antwortete ihr, ich sei in der Uni. Worauf sie anfing zu weinen und schluchzend sagte: “Das Archiv ist eingestürzt! Und ich bin so froh, dass Du nicht drin warst!”. Es war also ein erleichtertes Weinen. Aber ich erklärte sie sofort zur schlechten Radiohörerin. Das hatte sie sicherlich falsch verstanden. Ich durfte mich nicht von der Stelle bewegen. Sie holte mich mit dem Auto ab und wir fuhren zu dem Loch, das einmal das Archiv war… nun musste ich auch bitterlich weinen.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Meine Mutter und ich fassungslos vor der Einsturzstelle stehend und meine Kollegen, die ein genauso fassungsloses Gesicht machten. Wir sprachen kaum!

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Danach habe ich angefangen einige Kollegen und Kolleginnen anzurufen. Wir wussten nicht, ob Menschen begraben waren. Dann rief ich meine Doktormutter an und berichtete ihr. Und ich beruhigte sie, dass ich alle Quellen transkribiert hatte und somit meine Arbeit nicht in Gefahr war.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich wollte mein Habilprojekt zusammen mit der DFG dort machen. Digitalisierung zwei großer Bestände: Testamente und Zunft. Es war ein Herzensprojekt. Ich musste dann erstmal ins Ausland, um alles verarbeiten zu können und die Wut im Bauch zu besänftigen. Diese Baustelle hat nur Ärger und Geld gekostet und macht überhaupt keinen Sinn. Ein sinnloses Disaster um Kopf und Verstand.

Fotograf und Autor

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Recherchen im Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv. Danach Schreibtischarbeit zu Hause. Dort rief mich ein Freund aus Frankfurt an, der wusste, dass ich für Archivrecherchen unterwegs war. Er freute sich, meine Stimme zu hören.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Kein Bild. Nur eine vage Vorstellung des Verlustes an Kulturgütern und Menschenleben. Und ein immenser Zorn über die Verantwortungslosigkeit.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Viele Erinnerungen an Recherchen und Arbeit in dem Haus: Gestaltung einer Schriftenreihe und des Buchs „Jazz in Köln”, das maßgeblich mit Fotografien aus dem HAStK bestückt wurde, Treffen mit ehemaligen Mitarbeitern, Ausstellungsbesuche, Recherchen für Texte, z. B. für den Aufsatz „Die Akte Cologne intime” zur Entstehungsgeschichte des ersten Buchs von Chargesheimer.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Z. B. nicht verfügbare Fotografien aus den Nachlässen Peter Fischer und Theo Felten für das Buch „Köln nach dem Krieg“ (mit Wolfgang Vollmer in Arbeit). Es war ein sicher geglaubter Hort regionalhistorischer Erinnerungen, der ohne Klimaanlage auskam, weil der passiv genügend klimatisiert war, vorbildlich!

Rentnerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Sehr gut erinnere ich mich, habe in den Nachrichten davon gehört.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Der Tod der Menschen.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Die Erinnerung ist sehr lebendig, weil bis heute nicht viel Aufklärung passiert und man könnte vermuten, es soll einiges vertuscht werden. Sehr traurig.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich gehe oft zu der Einsturzstelle. Aktivitäten seitens einiger Leute werden untersagt oder behindert. Zum Beispiel das Aufstellen eines Denkmals.

freie Redakteurin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Am Tag des Einsturzes habe ich noch nicht in Köln gelebt. Ich habe auch keine genauen Erinnerungen an den Tag selbst, weiß aber, dass ich vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs auch in Bremen erfahren habe. Es war aber wie viele Nachrichten weit weg und abstrakt.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Seit ich in Köln lebe, ist der Einsturz fast immer präsent. Die abgesperrte Stelle in der Severinstraße, Anfrage zu spenden für Restaurierung des Archivmaterials, um zu retten, was noch zu retten ist. Aber viel mehr durch Erzählungen von Freunden und Bekannten hier in Köln, also mehr Erinnerungen aus zweiter Hand. Dabei wird dieser Tag aber sehr lebendig – Oder es wird von einer Schulklasse berichtet, die vor dem Archiv noch auf den Bus wartete. Dadurch wurde eine ehemals abstrakte Nachricht für mich lebendige Realität.

Schriftstellerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war zu Hause, und habe das Einsturzgeräusch gehört. Aber ich wusste nicht, was das Geräusch war. Eine Nachbarin, die wusste, dass ich im Archiv recherchiert habe, rief mich. Ich saß gerade am PC und schrieb an einem Romanmanuskript. Danach zitterte ich so sehr, dass ich nicht mehr schreiben und arbeiten konnte.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Kein „Bild“, nur ein Gefühl. Ich war schockiert, ich konnte es nicht glauben. Ich hatte den Eindruck, ich selbst sei in ein Loch gefallen. Da war eine große Leere in mir. Eine unbegreifliche Leere.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Von überall war das Tatütata der Polizei und der Feuerwehr zu hören. Entsetzlich. Es hat zwei Wochen gedauert, bis ich zur Einsturzstelle gehen konnte.

 

Büdchenbesitzerin

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Es war hier proppenvoll mit Kunden. Ich hörte ein Geräusch, was ich noch nie zuvor gehört hatte und ging nach draußen, um nach der Ursache zu gucken. Es kam eine dunkelbraune Staubwand auf mich zu und ich rannte direkt zurück. Ich rief: ”Alle raus!” Und wir rannten nach draußen in die andere Richtung. Ich ließ hinten alles offen und an: die Lampen, die Kaffeemaschine, die Türe. Als die Polizei und die Feuerwehr ankamen wurde alles gesperrt. Drei Monate durfte ich nicht zurück, weil man sich nicht sicher war, ob der Boden stabil ist.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das Bild, das vorne auf dem Buch „Der Einsturz“ steht. Es ist eigentlich nicht zu beschreiben. Ein enormer Trümmerhaufen.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Das Geräusch von den Steinen, die in alle Richtungen fliegen. Das Geräusch, ein nie zuvor gehörtes Geräusch.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Jeden Tag. Die Infrastruktur ist kaputt. Die Severinstraße war eine wichtige vielbesuchte Handelsstraße seit der römischen Zeit. Nachdem ich zurückgekommen war fehlte jeder; die Archivmitarbeiter, die Menschen, von denen die Häuser verwüstet waren, die evakuierten Bewohner. Noch immer sind überall Seismografen aufgestellt, was ein Gefühl von Gefahr gibt. Bei unbekannten Geräuschen kommt noch immer die Angst zurück.

Bauingenieur

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht, als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Wir waren im Skiurlaub und haben nachmittags nach der Piste im Hotelzimmer den Fernseher angemacht und in den Nachrichten dann davon gehört.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Es war die Berichterstattung und ein hilfloser OB an der Unglücksstelle.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Was wäre gewesen, wenn es ein paar Tage früher am Rosenmontag passiert wäre?

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Wir wohnen jetzt in den neuen Häusern hier am Waidmarkt und werden deshalb täglich damit konfrontiert.

 

Journalist

Erinnern Sie sich an den Tag des Einsturzes? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht als Sie davon in den Nachrichten gehört haben?

Ich war mit meiner Tochter in der Innenstadt verabredet – circa 500 Meter entfernt vom Stadtarchiv. Dort habe ich nichts vom Einsturz mitbekommen. Am Nachmittag habe ich auf meinem Handy die schockierende Nachricht gesehen: „30 Tote beim Einsturz befürchtet“. Ich habe versucht, über Internet und TV Informationen zu erhalten, es war vieles unklar.

Welches ’Bild’ ist Ihnen von diesem Tag am lebendigsten im Gedächtnis geblieben? Können Sie es beschreiben?

Das schreckliche Bild, wie die Trümmer meterhoch auf der Severinstraße liegen und die Feuerwehrleute vorsichtig nach Opfern suchen.

Haben Sie noch andere Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Einsturz des Archivs?

Ich erinnere mich an diese Straße sehr gut, weil ich – 30 Jahre vor dem Einsturz – neun Jahre lang gegenüber im Friedrich-Wilhelm Gymnasium zur Schule gegangen war. Der Anblick der Archiv-Fassade war also Teil meines Lebens, obwohl ich niemals in das Stadtarchiv hineingegangen bin.

Wurden Sie im Nachhinein mit dem Einsturz des Archivs noch konfrontiert? Wie? Was    bedeutet/bedeutete das Archiv für Sie?

Ich habe wenig später die Geschichte und mögliche Ursachen des Unglücks recherchiert und darüber das Buch „Der Einsturz“ geschrieben. Dabei sind mir – aus persönlicher Perspektiv – meine eigene Schulzeit wieder sehr viel bewusster geworden und – aus politischer Perspektive – die Mechanismen der Verantwortungslosigkeit in politischen und wirtschaftlichen Gremien. In Köln hat der Einsturz einen Schock ausgelöst, der zu einer stärkeren Einmischung von Bürgern in politische Entscheidungen geführt hat: so konnte zum Beispiel der Abriss des Schauspielhauses verhindert werden. Auch wurden Initiativen aktiver wie ArchivKomplex, die sich für die Erinnerung an den Einsturz stark machen.